Verstehen, was der Arzt bei der Diagnose erfahren möchte: Das hilft im Gespräch mit dem Mediziner und bei der Weiterentwicklung und Bewertung der eigenen Produkte Bild: Fotolia / Picture-Factory Als Physikingenieurin hat Elke Gerngross-Leone die technische Basis für die Beratung zum betrieblichen Gesundheitsmanagement. Das Masterstudium mit Abschluss im medizinischenn Bereich ergänzt ihr Wissen Bild: privat
Seit dem vergangenen Jahr können sich Praktiker mit Erfahrung an der Uni Erlangen-Nürnberg mehr medizinisches Wissen aneignen. Wie das Masterstudium im Alltag aussieht und sich mit dem Job vereinbaren lässt, berichten zwei Ingenieure.
Verstehen, was der Arzt bei der Diagnose erfahren möchte: Das hilft im Gespräch mit dem Mediziner und bei der Weiterentwicklung und Bewertung der eigenen Produkte Bild: Fotolia / Picture-Factory Als Physikingenieurin hat Elke Gerngross-Leone die technische Basis für die Beratung zum betrieblichen Gesundheitsmanagement. Das Masterstudium mit Abschluss im medizinischenn Bereich ergänzt ihr Wissen Bild: privat
Masterstudiengang MHMM: Mit Disziplin zum kompetenten Ansprechpartner für den Arzt

Wie aus Ingenieuren Fachleute in medizinischen Fragen werden

Mit einem Mediziner über sein Fachgebiet reden zu können, zu verstehen, was er von einem Produkt wünscht und wo sich mögliche Risiken in der Anwendung ergeben – das gehört für einen Ingenieur in der Medizintechnik zu den alltäglichen Anforderungen. Dennoch ist es nicht immer einfach umzusetzen. Woher soll das fundierte medizinische Wissen fürs Fachsimpeln mit dem Chefarzt kommen? „ Zusätzlich zur Berufstätigkeit hätte ich in meinem Job kein komplettes Medizinstudium absolvieren können – und das wäre auch über mein Ziel hinausgeschossen", sagt Fabian Pilatus. Der Elektrotechniker ist seit gut drei Jahren in der Medizintechnik-Branche tätig. Sein Arbeitgeber stellt Zubehör für endoskopische Anwendungen her, und Pilatus muss als Systemingenieur die Anforderungen der Anwender integrieren, ist unter anderem für Risikoanalysen der Produkte zuständig und erstellt die technische Dokumentation für die Zulassung der Produkte in der EU.

„In diesem Umfeld habe ich zwar nicht täglich mit Ärzten zu tun, aber doch oft genug, um eine gute medizinische Basis für die Gespräche zu brauchen", sagt Pilatus. Daher hat sich der Ingenieur im vergangenen Jahr entschieden, ein viersemestriges Masterstudium zum MHMM – Master in Health and Medical Management – an der FAU Erlangen-Nürnberg zu beginnen. Prof. Oliver Schöffski ist einer der beiden wissenschaftlichen Leiter des Master-Studiengangs, der erstmalig zum Wintersemester 2012/2013 angeboten wurde. Er sollte eine Marktlücke schließen: „Wer sich im Bereich Medizin weiterbilden wollte, hatte bis dahin nur die Wahl zwischen dem Zweitstudium der Medizin, was für die meisten nicht praktikabel ist, und Volkshochschulkursen, deren Niveau meist dem Ziel der beruflichen Qualifikation nicht entspricht", sagt Schöffski.

Für den Elektrotechniker Pilatus kam dieser neue Studiengang zu rechten Zeit. „Ich hatte eine Weile vergeblich nach Möglichkeiten gesucht, mich weiterzubilden – leider ohne zufriedenstellendes Ergebnis." Die Entscheidung für den berufsbegleitenden Studiengang hat er während der ersten beiden Semester nicht bereut, auch wenn die Weiterbildung Disziplin erfordert. „Es ist mir ein persönliches Anliegen, mein Wissen zu erweitern. Und da mir alle Unterlagen elektronisch zur Verfügung stehen, kann ich mein Tablet mit auf den Weg zur Arbeit nehmen und nutze jeden Tag die Zeit in den öffentlichen Verkehrsmitteln für das Masterstudium."

Nicht nur in der Art des Lernens, auch in den Inhalten zeigen sich dabei große Unterschiede zwischen dem ingenieurwissenschaftlichen Arbeiten und dem der Ärzte. „In der Elektrotechnik habe ich eine erprobte Herangehensweise, um mich mit einem Problem zu befassen und es zu lösen", berichtet Pilatus. „Ein Mediziner muss ein viel breiteres Wissen jederzeit parat haben und abrufen können – und in diese Arbeitsweise bekommen wir beim Masterstudium einen guten Einblick." Je mehr er über die Diagnose- und Therapiemöglichkeiten erfahre, desto besser könne er das Denken der Ärzte nachvollziehen und sie mit weiterentwickelten Produkten bei ihrer Arbeit in der Klinik besser unterstützen. „Auch wenn ich am Ende kein Arzt bin, hat sich meine Wissensbasis deutlich verbessert."

Ein Medizinstudium wollten die Entwickler des Studiengangs auch gar nicht ersetzen. „Unsere Absolventen sollen später weder diagnostizieren noch therapieren, und sie kommen auch nicht mit Patienten in Kontakt", betont Schöffski. Den theoretischen Hintergrund des Faches könne man im Fernstudiengang aber sehr gut vermitteln.

Die eigenständige und selbstbestimmte Arbeitsweise schätzt nicht nur Pilatus, sondern auch seine Studienkollegin Elke Gerngross-Leone. Die studierte Physikingenieurin hat sich nach langjähriger Tätigkeit in verschiedenen Branchen der Industrie als beratende Ingenieurin selbstständig gemacht. Das war für sie nicht zuletzt eine gute Möglichkeit, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Eines der Spezialgebiete ihres Unternehmens Egliptik ist das Verbessern der Schnittstelle zwischen Mensch und Technik, was sie als eine branchenübergreifende Aufgabe sieht. „Einen guten technischen Hintergrund hatte ich dafür schon durch mein Studium", sagt Gerngross-Leone. Die Beschäftigung mit der Physik habe ihr Denken geschult, die Ingenieurwissenschaften die pragmatische Umsetzung der Erkenntnisse gebracht. Durch das Masterstudium will sie ihr humanmedizinisches Wissen nun „festigen und erweitern".

Gebraucht wird der Zuwachs an Wissen zum Beispiel in Projekten zum betrieblichen Gesundheitsmanagement. „Um in Zukunft leistungsfähig zu bleiben, müssen wir lernen, wie wir die Arbeitsprozesse gesünder gestalten können", sagt die Bayerin. Was es an den Prozessen zu verbessern gibt, sei eine Aufgabe für Ingenieure. Zum medizinischen Teil solcher Projekte zähle jedoch mehr als die Frage nach der Ergonomie – auch die Arbeitszeit, die Planung der Prozesse und die medizinische Prophylaxe beeinflussen die Gesundheit der Mitarbeiter. „Um in diesem Themenfeld als Vermittlerin und Beraterin erfolgreich tätig zu sein, brauche ich natürlich meine kommunkativen Fähigkeiten. Aber das solide und durch den Abschluss belegbare medizinische Wissen ergänzt diese in sinnvoller Weise."

Sowohl Pilatus als auch Gerngross-Leone halten den Weg des Masterstudiums im Bereich Medizin für empfehlenswert. Der Studienplan sei wohlüberlegt, das Studium selbst gut strukturiert und organisiert und auch für Interessenten mit Familie machbar. Die erforderliche Disziplin müsse allerdings vorhanden sein, betont der Elektrotechniker. „Wer Interesse an der Medizin hat, interdisziplinär begabt ist und sein technisches Wissen abrunden möchte", sagt Gerngross-Leone, „der ist hier richtig."

· Dr. Birgit Oppermann birgit.oppermann@konradin.de

Master in Health and Medical Management

Der Master-Studiengang MHMM – Master in Health and Medical Management wird seit dem Wintersemester 2012/2013 an der Universität Erlangen-Nürnberg angeboten.

Das berufsbegleitende Studium dauert vier Semester und ist in Modulen strukturiert. Auf ein Einführungsmodul und einen Überblick über die moderne Diagnostik folgen zwei Module, in denen die häufigsten Krankheitsbilder vorgestellt werden. Ein Modul ist den Arzneimitteln gewidmet, eines weiteren medizinischen Querschnittsfragen. Im vierten Semester schreiben die Studierenden ihre Master-Arbeit.

Als Zielgruppe nennt die Hochschule Akademiker verschiedener Fachrichtungen mit Interesse an medizinischen Inhalten, beispielsweise Absolventen aus den Richtungen Wirtschaftswissenschaften, Jura, Ingenieurwissenschaften, Informatik, Sozial- und Naturwissenschaften. Nach dem Studium muss ein Bewerber mindestens zwei Jahre im Bereich des Gesundheitswesens gearbeitethaben, ob in der Industrie, der Verwaltung oder in Verbänden.

Bewerbungsschluss für den Studienstart zum Wintersemester im Oktober ist der 31. August 2013.

Weitere Informationen zu Inhalten und Bewerbung: www.mhmm.de

Ihr Stichwort

· Masterstudiengang

· Medizinisches Wissen

· Berufsbegleitende Weiterbildung

· Erfahrungen von Ingenieuren

· Leistungsbereitschaft

01.06.2013


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